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21.09.2021 - 3 minute read

Evergrande: Droht ein chinesisches Lehman-Desaster?


Von Roland Rupprechter, Certified European Financial Analyst (CEFA)



Fundamentale Einschätzung


Der schnelle Richtungswechsel an den Aktienmärkten wurde durch die mögliche Zahlungsunfähigkeit des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande bewegt.


In weniger als einem Jahr haben die Aktien der Evergrande mehr als 90 Prozent an Wert verloren. Ein Börsenwert - und damit Anlagevermögen - von umgerechnet rund 25 Milliarden Euro hat sich in Luft aufgelöst. Der zweitgrößte Immobilienkonzern Chinas leidet unter einer Schuldenlast zwischen 100 und 300 Milliarden Euro.


Inzwischen zeichnet sich ein immer deutlicheres Bild davon, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Seinen Aufstieg in den vergangenen Jahren verdankt Evergrande einer Goldgräberstimmung an den Immobilienmärkten Chinas. Denn mit der stark wachsenden chinesischen Wirtschaft stieg auch der Bedarf an Wohnraum - für private Menschen ebenso wie für aufstrebende Unternehmen. Entsprechend sind die Preise am chinesischen Immobilienmarkt explodiert. Die Regierung in Peking versucht seit Anfang des Jahres gegenzusteuern - etwa durch Mietbegrenzung in den Städten, um Wohnungen bezahlbar zu halten. Da der Konzern vor allem auf Expansion getrimmt war und mit sehr niedrigen Margen kalkuliert hat, ist dieses Kartenhaus in den vergangenen Monaten zunehmend instabil geworden und droht nun einzustürzen. Neben diesem Missmanagement haben sich leitende Angestellte des Konzerns offenbar auch um die eigene Bereicherung gekümmert. Wie Evergrande bekannt gab, haben sechs Führungskräfte entgegen geltender Regeln vorzeitig Anlageprodukte verkauft. Normalerweise durften sie sich die firmeneigenen Anlagen erst nach einer festgelegten Haltezeit auszahlen lassen. Die Manager haben die Investments jedoch schon vorher zu Geld gemacht.


Die verstärkte Regulierung des Staates im Immobiliensektor fällt zeitlich mit der Entmachtung der chinesischen Tech-Giganten zusammen. Allerdings handelt es sich hier um zwei Paar Schuhe; die Stabilität des Immobiliensektors ist von elementarer Bedeutung für die Stabilität des Staatswesens, ganz im Gegensatz zu Apps von Gaming- oder E-Learning-Unternehmen.


Insofern erscheint eine geordnete Abwicklung bzw. Zerschlagung des Immobilienentwicklers Evergrande als Worstcase Szenario. Das könnte für Investoren im Westen zwar Default-würdige Verluste bei den Bonds und der Evergrande-Aktie bedeuten, weil im Zweifel die inländischen Schuldner bevorzugt bedient würden.


Eine unkontrollierte Pleite, ein chinesischer „Fall Lehman“, erscheint dagegen wegen der potenziell unkontrollierbaren Folgen für die Stabilität der chinesischen Wirtschaft unwahrscheinlich. Eher dürfte der überschuldete Konzern in den nächsten Monaten Zinsmoratorien erhalten, weiter konsolidieren und Geschäftsteile veräußern.


Nachdem die Aktienmärkte in den letzten zwei Handelstagen um bis zu 5 Prozent korrigierten, ist die entscheidende Frage für die weitere Börsenentwicklung, ob und inwieweit sich der Krisenherd in China auf das Ausland ausweitet. Gegen eine internationale Ausbreitung spricht, dass der chinesische Immobiliensektor relativ geschlossen ist und sich auch kaum außerhalb der Landesgrenzen refinanzierte. Anders als damals Lehman hat Evergrande keine Kredite bei amerikanischen oder europäischen Banken aufgenommen. Es ist daher mit keiner Gefährdung des amerikanischen oder europäischen Finanzsystems zu rechnen.


Vor diesem Hintergrund empfehlen wir, die aktuelle Börsenkorrektur für Aufstockungen zu nutzen.


Abbildung 1: Shanghai Shenzen Index

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Quelle: Refinitv, Reuters


Markttechnik








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