8. April 2025 - R&B Roland Rupprechter, CEFA
Trump Zölle: Hektisches Agieren ist nicht zielführend
Börsen auf Talfahrt: Experte Roland Rupprechter sieht aber weiterhin gute Chancen am Aktienmarkt.
Der handelspolitische Rundumschlag von US-Präsident Donald Trump lässt die Börsenkurse weltweit noch weiter abstürzen. Die Frage ist: Wie geht es nun weiter und was sollten Anleger beachten? Die VN haben dazu mit dem Dornbirner Börsenexperten Roland Rupprechter, MBA, CPM, CEFA, Geschäftsführer von R&B Research und Vermögensmanagement, gesprochen.
Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen an den Börsen?
Für uns ist die Ankündigung der hohen US-Zölle von US-Präsident Donald Trump der bislang aggressivste und folgenreichste Schritt im Zuge der ohnehin rabiaten Handelspolitik des US-Präsidenten.
Überrascht hat uns das Ausmaß der Aktienmarktkorrektur, da China, Japan und die EU im Durchschnitt lediglich 15% ihres Exportgeschäfts mit den USA abwickeln.
Viele Aktienmarktsegmente haben seit der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 keine so großen Verluste mehr verzeichnet.
Die politischen Kursänderungen in den USA haben für uns widersprüchliche wirtschaftliche Auswirkungen.
Im Handelsbereich rechnen wir damit, dass Zölle ein fester Bestandteil der US-Handelspolitik und ein Instrument zur Erhöhung der Einnahmen sein werden. Wir gehen davon aus, dass sich der durchschnittliche effektive US-Zollsatz deutlich tiefer bei etwa 15 % einpendeln wird – es könnte jedoch Monate dauern, bis dieser Wert erreicht ist. Bis dahin vermuten wir zahlreiche Änderungen im Zollmix sowie die Neuverhandlung von Freihandelsabkommen.
Ungeachtet der Höhe werden die Zölle den Inflationsdruck in den USA und die Tendenz anhaltend hoher Geldmarktzinsen verstärken. Auch wird sich das Rezessionsrisiko erhöhen, auch wenn Fed-Chef Jerome Powell aktuell nur von einer Wirtschaftsverlangsamung ausgeht.
Entscheidend für Aktienveranlagungen angesichts weiter hochbleibender Zinsen ist, ob das Wachstum mithalten kann. Wir sehen eine Entwicklung, die dies ermöglichen könnte, wenn der Technologie-Wachstumsschub der letzten Jahre anhält und die von Donald Trump versprochene Deregulierung einen zusätzlichen Schub bewirkt. Wir glauben, dass US-Unternehmen aufgrund ihres robusten Wachstums und Mega Forces - wie Künstliche Intelligenz – ihre globale Führungsposition behalten werden.
Positiv sehen wir auch, dass sich China in den letzten fünf Jahren in Asien sehr wettbewerbsfähig aufgestellt hat. Einen Großteil des Handelsbilanzüberschusses generiert es aus dieser Region, nicht mit Europa oder der USA.
Auch Europas Wirtschaft dürfte widerstandsfähiger sein, als es die Aktienmarktkorrektur vermuten lässt. Den DAX-Konzernen gelang im letzten Jahr ihr drittbestes Ergebnis in ihrer Geschichte, elf DAX-Konzerne haben dabei soviel verdient wie nie zuvor, die makroökonomischen Bedingungen haben sich im letzten Quartal verbessert und die Inflation in Europa liegt bei nur 2,2 %, dem niedrigsten Wert in der westlichen Welt.
Zudem könnte für Europa die jüngste Entwicklung ein Weckruf für mehr Integration (Binnenmarkt) und mehr Wettbewerbsfähigkeit sein. Wenn Strukturreformen in diese Richtung angegriffen werden, dürften auch die europäischen Kapitalmärkte eine Renaissance erfahren.
Für beide Aktienmärkte, China und Europa, gilt, dass die Bewertungsabschläge zu US-Aktien auf historischem Niveau liegen. Ein „Reversion to the Mean“-Prozess dürfte begonnen haben.
Vor diesem Hintergrund sehen wir in der aktuellen Marktkorrektur für langfristig orientierte Anleger eine überdurchschnittlich gute Kaufgelegenheit.
Ist es eine kurzfristige Korrektur oder der Beginn einer längeren Abwärtsbewegung?
Die Vorarlberger Anleger sind im Durschnitt sicherheitsorientiert veranlagt. Die Hauptanlageklassen bilden Geldmarktanlagen, Sparbücher und bonitätsstarke Anleihen. Wenn Aktien beigemischt werden, liegt ihre Quote in der Regel zwischen 20 und 40 Prozent.
Im Bereich der Anleihen kam es in den letzten Tagen zu deutlichen Kursgewinnen, da die Nachfrage von Anlegern, die angesichts des Ausverkaufs am Aktienmarkt nach sicheren Anlagen suchen, gestiegen ist. Die Rendite der 10-jährigen Österreichischen Staatsanleihen ist unter die 3 %-Schwelle gefallen.
Im Gegensatz dazu verloren Aktienanlagen so deutlich wie zuletzt zu Beginn der Corona-Pandemie. Der amerikanische Leitindex S&P 500 erlebte seinen stärksten zweitägigen Einbruch seit März 2020. Der deutsche Leitindex notiert rund 20 Prozent unter seinem Rekordhoch vom März. Der Ausverkauf vernichtete einen Börsenwert von mehr als fünf Billionen US-Dollar.
Da in der Regel die Aktienmärkte auf den ersten Schock zu stark reagieren, empfehlen wir Anlegern an ihren Positionen festzuhalten. Hektisches Agieren in einem Umfeld, in dem politische Emotion und erzwungenen Positionsbereinigungen dominieren, erachten wir nicht als zielführend. Wir sind überzeugt, dass die größten Unternehmen der Welt trotz den Zöllen im Durchschnitt weiterhin Eigenkapitalrenditen verdienen werden, welche deutlich oberhalb der aktuellen Anleihenzinsen liegen werden.
Also zukaufen?
Wir sind überzeugt, dass das Jahr 2025 – ähnlich wie 2020 – vielen Anlegern eine überdurchschnittlich gute Gelegenheit bietet, den Grundstein für einen langfristigen Vermögensaufbau zu legen.
Was wären mögliche Wendepunkte, an denen sich die Märkte wieder stabilisieren könnten?
Die Furcht vor einem globalen Handelskrieg hat nun alle Sentimentindikatoren erfasst und ist in den deutlich pessimistischen Bereich vorgedrungen. Das Put-/Call-Verhältnis für Aktien an der Chicagoer Optionsbörse (CBOE), die größte amerikanische Börse für Finanzderivate, erreichte heute den höchsten Stand der vergangenen zwölf Monate. Der Höhepunkt der protektionistischen Rhetorik unter der Trump-Administration könnte in den kommenden Tagen erreicht sein. Da auch viele technische Indikatoren wie der Relative-Stärke-Index (RSI) ein extremes Niveau erreicht haben, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Gegenbewegung. In den kommenden Wochen dürfte die Marktvolatilität allerdings erhöht bleiben, da das Risiko gegenseitiger Vergeltungsmaßnahmen hoch bleibt und für Verunsicherung sorgen wird.