Wohlstand wird verringert
Vorarlberger Nachrichten, Ernest Enzelsberger, 20 September 2013 - 5 minute read

„Vor dem Hintergrund des immensen Schuldenbergs sind Regierungen und Zentralbanken zu der Auffassung gelangt, dass ihnen mit einem systematischen Transfer vom Sparer zum Staat als Schuldner am ehesten gedient ist“, so Prokurist Roland Rupprechter, MBA, CPM, CEFA (zum Zeitpunkt der Publikation Leiter Portfolio und Asset Management der größten Vorarlberger Bank).

Wie er dabei weiter ausführt, ist der Prozess der kalten Enteignung – sie wird von Fachleuten „Finanzielle Repression“ genannt – gewiss weniger radikal als eine Zwangsabgabe für jeden Bürger zur Finanzierung der öffentlichen Hand. Und er ist weniger unpopulär, da er auf leisen Sohlen daherkommt. Ein Merkmal der kalten Enteignung sind laut dem Finanzexperten negative reale Zinsen. Das heißt die Inflation ist höher als die Renditen, die sich am Kapitalmarkt erzielen lassen. Bestes Beispiel sind Staatsanleihen, die extrem niedrig verzinst werden und Anlegern unter dem Strich eine negative Rendite bescheren. Der Vorteil für den Staat: Er hat sehr geringe Finanzierungskosten. Zugute kommt ihm dabei auch eine hohe Inflation. Sie sorgt für höhere nominale Steuereinnahmen. Eine kalte Enteignung findet gegenwärtig in den USA, in Großbritannien, Österreich und Deutschland statt. Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte die Schuldenquote der USA mit 119 Prozent ihren Höchststand. In enger Zusammenarbeit gelang es damals der US-Notenbank Fed und der Regierung die Zinssätze und Anleihenrenditen für längere Zeit künstlich tief zu halten. Innerhalb von 35 Jahren war die öffentliche Schuldenquote auf 35 Prozent gesunken.

Kaum noch eine Rendite

In Vorarlberg legt laut Rupprechter ein großer Teil der Anleger ihr Geld in niedrig verzinste Anlageprodukte wie Sparbücher oder Anleihen an. Bei einem Zinsniveau von faktisch Null bekommen die Sparer und Kunden von Lebensversicherern kaum noch Rendite auf ihr Kapital. Da zugleich die Teuerung auf über 2 Prozent liegt, geht den Sparern so Jahr für Jahr ein Stück von ihrem Wohlstand ab, wohingegen die Kreditnehmer tendenziell davon sogar profitieren.

Fed mit Nullzinsstrategie

Möglich wird die kalte Enteignung durch die Politik der Zentralbanken, die sowohl die Zinsen extrem niedrig halten als auch die Märkte mit Liquidität fluten. Die US-Notenbank Fed beispielsweise verfolgt seit mehreren Jahren eine faktische Nullzinsstrategie und kauft zudem monatlich US-Treasuries in zweistelligem Milliardenumfang. Ähnlich agiert die Europäische Zentralbank (EZB), die an dem Minizinssatz von 0,5 Prozent festhält und riesige Summen für Anleihen vor allem südeuropäischer Staaten ausgegeben hat, um deren Renditen nach unten zu drücken, und gleichzeitig die Banken mit Zentralbankgeld in bisher nicht gekanntem Ausmaß versorgt. Künstlich niedrige Zinsen und Anleihenrenditen genügen also, damit die Relation von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt. Der Schuldenabbau selbst wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen, vor allem, wenn er wie im Moment von einem hohen Schuldenstand aus beginnt. Insgesamt beläuft sich die Schuldenquote im EU-Raum auf knapp 90 Prozent und liegt damit deutlich über der angestrebten Maastricht-Obergrenze von 60 Prozent. Unter der Annahme eines jährlichen Liquidierungseffekts von 3,0 Prozent, der sich daraus ergibt, dass die Zinsen unter ihrem „angemessenen Niveau“ gehalten werden, würde es rund zehn Jahre dauern, den Schuldenstand im EU-Raum wieder auf das ursprünglich als Obergrenze festgelegte Niveau zurückzuführen. Außerdem kann man nicht voraussetzen, dass die Schwellenländer – insbesondere in Asien – wie bisher weiter Devisenreserven anhäufen werden. Steigende Vorleistungskosten und eine Verschiebung des Wirtschaftsmodells in Richtung höherer Binnennachfrage wie in China implizieren einen geringeren Leistungsbilanzüberschuss (oder gar ein Defizit). Folglich können die Schwellenländer in Zukunft weniger zur Finanzierung der Defizite der Industrieländer beitragen. Es ist also damit zu rechnen, dass die Phase der kalten Enteignung noch länger anhalten wird.


Bei einem Zinsniveau von faktisch Null bekommen die Sparer kaum noch Rendite auf ihr Kapital

Durchatmen bei Franken-Kreditnehmer
Quelle: pixabay

Portfolio breiter streuen

Wer sich dem schleichenden Vermögensschwund entziehen möchte, muss sein Portfolio breit diversifizieren und dabei die Korrelationseigenschaften verschiedener Anlageklasse optimal nutzen. Ein Beispiel wäre die Aufnahme von Unternehmens-, Fremdwährungs- und Schwellenländeranleihen, die Reduzierung von tiefverzinsten risikoarmen Staatsanleihen sowie die Aufstockung der Aktienquoten.

Table 1