Finanzmarktexperte Roland Rupprechter, MBA, CPM, CEFA (zum Zeitpunkt der Publikation Leiter Portfolio und Asset Managament der größten Vorarlberger Bank) gab gestern Nachmittag am VN-Telefon wertvolle Tipps zur aktuell turbulenten Lage an den Finanzmärkten.
Auch die Vorarlberger Anleger sind von der Achterbahnfahrt an den weltweiten Börsen verunsichert. Bereits Stunden vor der VN-Telefonaktion mit Experten Roland Rupprechter riefen VN-Leser in dessen Büro an – und suchten Rat zu den Themen Aktien, Anleihen sowie allgemeinen Fragen zur Finanzarchitektur. Die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst:
Wie lässt sich die Schuldenkrise lösen?
Rupprechter: Eine Patentlösung gibt es nicht. Die USA, viele europäische und auch einige asiatische Länder haben zu lange makroökonomische Ungleichgewichte ignoriert und über ihre Verhältnisse gelebt. Anpassungen sind nun nicht mehr schmerzfrei möglich. Sie erfordern echte Einschnitte, hartes Arbeiten und wieder mehr Raum für privates Unternehmertum. Das wird viel einfacher, wenn Anleger wieder Vertrauen schöpfen. Dafür brauchen sie jetzt glaubwürdige politische Signale, dass echte Lösungen der strukturellen Probleme endlich angepackt werden.
Ist der Schweizer Franken überbewertet?
Rupprechter: Ja, das ist er. Aufgrund der fieberhaften Suche nach „sicheren Häfen“ hat sich der Schweizer Franken immer mehr von seinem fairen Wert entfernt. Berechnungen Schweizer Banken zufolge soll der handelsgewichtete Franken rund 30 Prozent über seiner Kaufkraftparität liegen. Diese Abweichung ist bis jetzt präzedenzlos. Mittelfristig ist eine Normalisierung in kleinen Schritten sehr realistisch.
Ist Gold auch bei einem Wert von 1700 US-Dollar überhaupt noch eine Anlagealternative?
Rupprechter: Auch wenn Gold auf dem jetzigen Rekordniveau ein nicht unerhebliches Rückschlagpotenzial aufweist, bleibt es interessant, auch weil das US-Zinsniveau bis 2012 hinein niedrig bleiben sollte. Die Wertentwicklung von Gold dürfte auch weiterhin davon profitieren, dass Investoren Sicherheit und einen Inflationsschutz suchen.
Aktienbörsen weltweit im Sinkflug
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Welche Anlagestrategie empfehlen Sie?
Rupprechter: Angesichts der schwierigen Lage an den Börsen ist eine defensive Ausrichtung zu empfehlen. Das gilt besonders für unberechenbare, „politische“ Börsen wie derzeit. Besonders Qualitätsaktien waren in der Vergangenheit immer ein guter Weg, sein Vermögen über die Runden zu bringen – selbst in schlimmsten Krisenzeiten. Neben Aktien sind auch Gold, kurzlaufende Anleihen erstklassiger Industrieunternehmen und Emerging Market-Anleihen eine gute Alternative. Insgesamt sehr wichtig ist eine Verteilung des Vermögens auf verschiedene Anlageklassen.
Welche Branchen halten Sie für attraktiv?
Rupprechter: Wir empfehlen eine Übergewichtung bei Werkstoffen, bei Industriewerten und im Gesundheitswesen. Untergewichten würden wir den Finanzsektor, Massenkonsumgüter, Versorger und Energiekonzerne.
Wie werden sich die Zinsen entwickeln?
Rupprechter: Aufgrund der gestiegenen Inflationsraten in der Euro- Zone erwarten wir weitere Zinsschritte der Europäischen Zentralbank (EZB). Die US-Fed und die Bank of England werden ihre Leitzinsen bis 2012 unverändert belassen.
Was halten Sie generell von Schwellenländern?
Rupprechter: Die Region hat aufgrund ihrer strukturellen Vorteile die besten langfristigen Wachs- tumsaussichten aller Märkte. Allerdings sind diese bereits zum größten Teil in den Aktienbewertungen enthalten. Die Geldpolitik wird sich in der Region voraussichtlich schneller verschärfen als erwartet, um dem Inflationsdruck entgegenzutreten. Kaufempfehlung: Nur an schwachen Tagen kaufen.