9. Oktober 2026 – Roland Rupprechter, MBA (WU Wien), CPM, CEFA
Leerer Himmel über Russland - mit schweren Folgen für die Wirtschaft
Was die Karte zeigt und was sie verschweigt
Livekarten des Flugverkehrs beruhen auf ADS-B-Signalen, die jedes Verkehrsflugzeug aussendet und die private Empfänger am Boden auffangen. Wo niemand einen Empfänger betreibt, bleibt die Karte leer, auch wenn geflogen wird. In Russland gibt es nur wenige solche Empfänger; der leere Himmel über Sibirien ist also zum Teil ein Messproblem. Der größere Teil ist real: Seit Ende Februar 2022 ist der russische Luftraum für Fluggesellschaften aus der EU, den USA, Kanada und Großbritannien gesperrt, und umgekehrt. Die Flüge zwischen Europa und Ostasien weichen nach Süden aus, das ist das dichte Band über die Türkei, den Golf und Zentralasien.
Zwischen China und Russland, zwei Nachbarn mit einem Warenhandel von 228 Milliarden US-Dollar, wird geflogen, aber wenig: Im Sommer 2026 waren es laut russischem Verkehrsministerium 309 Flüge pro Woche, 44 am Tag. Allein im europäischen Luftraum werden an einem Sommertag mehr als 35.000 Flüge abgewickelt. Die wenigen Maschinen über Sibirien gehören zum Großteil chinesischen Fluggesellschaften auf dem Weg nach Europa. Sie dürfen Russland überfliegen, ihre westlichen Konkurrenten nicht. China ist der große Gewinner der russischen Luftraumsperre.
Der Handel findet statt, aber am Boden
Der Warenhandel zwischen China und Russland hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt, von 111 auf 245 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024. 2025 ging er erstmals seit 2020 zurück, um 6,9 Prozent auf 228 Milliarden, weil der Ölpreis fiel und Russland die Abgaben auf chinesische Autos erhöhte; für das erste Halbjahr 2026 meldet Moskau wieder ein Plus von 25,6 Prozent. China ist für Russland der mit Abstand wichtigste Handelspartner, Russland für China ein Lieferant unter vielen.
Weshalb davon in der Luft nichts zu sehen ist, erklärt die Struktur dieses Handels. Russland verkauft, was schwer und je Kilogramm billig ist: Rund zwei Drittel seiner Exporte nach China sind Rohöl, Kohle, Pipelinegas und Flüssiggas. 2024 waren es 108,5 Millionen Tonnen Rohöl über die ESPO-Pipeline und per Tanker, dazu rund 40 Milliarden Kubikmeter Gas durch die Pipeline „Kraft Sibiriens“ und ein Viertel aller chinesischen Kohleimporte. China liefert Autos, Maschinen, Elektronik und Konsumgüter, also Containerware. Nichts davon fliegt. Luftfracht trägt weltweit rund ein Drittel des Welthandels nach Wert, aber weniger als ein Prozent nach Gewicht. Sie lohnt sich für Smartphones, Pharmazeutika und Ersatzteile, und genau diese Güter fallen unter die westlichen Exportkontrollen.
Die Wege am Boden: Die russische Eisenbahn beförderte von Jänner bis August 2026 im Verkehr mit China 130 Millionen Tonnen, 92 Millionen über die Häfen des Fernen Ostens und 38 Millionen über die Landgrenze, allen voran Sabaikalsk gegenüber Manzhouli. Auch das Geld nimmt Umwege: Seit die USA Ende 2023 Banken Sekundärsanktionen androhen, lehnen chinesische Großbanken Zahlungen aus Russland häufig ab. Rund 70 Prozent der russischen Importeure zahlen über Agenten, die den Importpreis um 6 bis 30 Prozent verteuern. Der Handel läuft, aber langsamer, teurer und zu schlechteren Bedingungen als vor dem Krieg.
Abbildung: Warenhandel zwischen China und Russland in Milliarden US-Dollar, 2019 bis 2025. Quelle: Zollverwaltung der VR China, Reuters; eigene Darstellung.
Der Krieg kostet Russland am meisten
Die dünne Luftbrücke nach China ist nur ein Symptom. Dahinter steht ein Land, das sich mit dem Krieg gegen die Ukraine wirtschaftlich selbst abschneidet.
Kein Tourismus aus dem Westen. Vor der Pandemie zählte Russland etwa zweieinhalbmal so viele ausländische Touristen wie heute; die europäischen Gäste sind verschwunden. Was bleibt, sind 1,3 Millionen chinesische Reisende im Jahr 2025, meist in Gruppen chinesischer Veranstalter, bei denen ein großer Teil der Wertschöpfung in China bleibt.
Kein Luftgeschäft. Russland war eine Drehscheibe zwischen Europa und Asien; Aeroflot verdiente am Umsteigeverkehr, der Staat an Überfluggebühren westlicher Airlines. Beides ist weg. Mehr als 400 geleaste Boeing und Airbus wurden einbehalten und fliegen ohne Ersatzteile; ein Fünftel der Flotte steht am Boden und wird ausgeschlachtet. Das eigene Modell MC-21 soll bis Ende 2026 in vier Exemplaren kommen, ist mit russischen Teilen sechs Tonnen schwerer und kostet um zwei Drittel mehr als 2023 geplant. Fachleute sehen es 15 Jahre hinter der Konkurrenz.
Verlust an Köpfen. Allein 2022 verließen mehr als 100.000 IT-Fachkräfte das Land, ein Zehntel der Branche; Schätzungen für alle Ausgewanderten reichen bis zu einer Million Menschen, überwiegend jung und gut ausgebildet. Dazu kommen die Verluste an der Front, die westliche Institute schon Mitte 2025 auf rund eine Million Gefallene und Verwundete schätzten. Die Notenbank klagt seit Jahren über Arbeitskräftemangel.
Anschluss an die Technologie verloren. Westliche Chips, Werkzeugmaschinen, Flugzeugteile und Software kommen nur noch über Umwege und mit Aufschlag. Die Autoindustrie ist nach dem Abzug der westlichen Hersteller zum Absatzmarkt chinesischer Marken geworden. China liefert, was den eigenen Interessen nicht schadet, und nimmt Öl und Gas zu seinen Bedingungen: Das Gas aus „Kraft Sibiriens“ war 2024 mehr als ein Drittel billiger als in Europa, die zweite Pipeline wartet seit Jahren auf einen Liefervertrag. Die Öl- und Gaseinnahmen des Budgets sollen 2027 bei 7 Billionen Rubel liegen; 2024 waren es 11,1 Billionen.
Zinsen, Inflation, Steuern. Der Leitzins lag von Oktober 2024 bis Juni 2025 bei 21 Prozent und im September 2026 noch bei 14 Prozent; die Inflation liegt im Oktober 2026 wieder bei 7,2 Prozent. Das Wachstum fiel von 4 Prozent 2024 auf rund 1 Prozent 2025, für 2026 erwartet Präsident Putin selbst „innerhalb von einem Prozent“. Die Mehrwertsteuer stieg 2026 von 20 auf 22 Prozent, das Budgetdefizit beträgt 3,2 Prozent des BIP, die Verteidigungsausgaben 2027 rund 205 Milliarden US-Dollar. Der liquide Teil des Nationalen Wohlstandsfonds ist von rund 113 Milliarden US-Dollar vor dem Krieg auf 44 Milliarden geschrumpft; rund 300 Milliarden Zentralbankreserven liegen im Westen eingefroren.
Kein Vertrauen, kein Kapital. 547 ausländische Unternehmen haben Russland bis Jänner 2026 vollständig verlassen, ihre Verluste beziffert die Kyiv School of Economics auf mehr als 170 Milliarden US-Dollar. Wer bleibt, riskiert die Enteignung, wie zuletzt Rockwool und CanPack. Russlands Exporte nach China bestehen zu zwei Dritteln aus Rohstoffen, Chinas Exporte nach Russland aus Industriegütern. Das ist die Handelsstruktur einer Kolonie, nicht die einer Großmacht.
Und die Börse? Der Moskauer Leitindex steht bei rund 2.300 Punkten, 46 Prozent unter seinem Hoch vom Oktober 2021, und westliche Anleger dürfen seit Februar 2022 nicht einmal verkaufen: Ihre Depots sind eingefroren. Ein Kapitalmarkt ohne ausländisches Kapital ist kein Markt, sondern ein geschlossener Kreis.
Fazit
Der Himmel über Russland ist nicht leer, weil nichts gehandelt wird. Er ist leer, weil Russland verkauft, was auf Schienen, in Pipelines und auf Tankern reist, und weil es sich vom Luftverkehr, vom Tourismus, von der Technologie und vom Kapital des Westens selbst abgeschnitten hat. Was fliegt, sind chinesische Maschinen über Sibirien nach Europa.
Ein Ende ist nicht in Sicht. Am 1. Oktober 2026 hat Präsident Putin auf dem Waldai-Forum einen Verzicht auf Angriffe auf Energieanlagen als „schlicht lächerlich“ abgetan und zugleich eingeräumt, dass ihn allein die ukrainischen Angriffe auf Raffinerien rund ein Prozent der Wirtschaftsleistung kosten. Jeder weitere Kriegsmonat vergrößert den Rückstand in Technologie, Demografie und Produktivität. Die Moskauer Börse spiegelt das: Der Leitindex steht bei rund 2.300 Punkten, 46 Prozent unter seinem Hoch vom Oktober 2021, und westliche Anleger dürfen ihre Aktien seit Februar 2022 nicht einmal verkaufen. Für Anleger bleibt Russland ein Markt ohne Zugang und ohne Rechtssicherheit. Das Wachstum findet dort statt, wo der Himmel auf der Karte voll ist.
Daten & Fakten
Handel China–Russland: 2024 245 Mrd. US-Dollar, 2025 228 Mrd. (−6,9 %); erstes Halbjahr 2026 134 Mrd. (+25,6 %).
Russische Exporte nach China: rund zwei Drittel Öl, Kohle und Gas; 2024 108,5 Mio. Tonnen Rohöl, rund 40 Mrd. m³ Pipelinegas.
Luftverkehr: 309 Flüge pro Woche zwischen China und Russland (Sommer 2026); Europa über 35.000 Flüge pro Tag.
Russland: Leitzins 14 %, Inflation 7,2 %, Mehrwertsteuer 22 %, Wachstum 2026 rund 1 %; liquider Wohlstandsfonds 44 Mrd. US-Dollar.
Moskauer Börse: MOEX-Index rund 2.300 Punkte, 46 % unter dem Hoch vom Oktober 2021.
Quellen: Zollverwaltung der VR China (über Reuters), Handelsvertretung Russlands in China, russisches Verkehrsministerium (über TASS), Interfax, Eurocontrol, OSW, Russische Eisenbahn, IATA, Bank of Russia, Budgetentwurf 2027–2029 (über TASS), Kyiv School of Economics, Rosstat, The Moscow Times, The Bell, Russianomics, Al Jazeera, Trading Economics; eigene Darstellung; Daten Stand 8. Oktober 2026.
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