21. Juli 2026 – Roland Rupprechter, MBA (WU Wien), CPM, CEFA

Ölpreis im Ausnahmezustand: Sind 18 US-Dollar wieder möglich?

Warum der Ölpreis 2020 auf 18 US-Dollar fiel, wo er ohne Russland- und Iran-Krieg heute stünde — und was Öl-Haushalte jetzt tun sollten.
Ölpreis Analyse 2026

1.   Warum fiel der Ölpreis 2020 auf 18 US-Dollar?


Der Absturz im Frühjahr 2020 war das Ergebnis zweier gleichzeitiger Extremschocks — ein Zusammentreffen, wie es der Ölmarkt zuvor nie erlebt hatte. Auf der Nachfrageseite legten die Covid-19-Lockdowns in China, Europa und den USA binnen Wochen rund 25 bis 30 Millionen Barrel Tagesnachfrage still — etwa ein Viertel des Weltverbrauchs. Auf der Angebotsseite zerbrach am 8. März 2020 die OPEC+-Allianz: Nachdem Russland eine gemeinsame Förderkürzung abgelehnt hatte, eröffnete Saudi-Arabien einen Preiskrieg, kündigte eine Ausweitung der eigenen Produktion von 9,7 auf 12,3 Millionen Barrel pro Tag an und gewährte Rekordrabatte; Russland stellte seinerseits eine Produktionsausweitung in Aussicht.


In einen kollabierenden Markt hinein wurde also zusätzliches Öl gepumpt. Brent fiel bis Mitte April unter 20 US-Dollar (in der Spitze auf rund 18), und der auslaufende WTI-Mai-Kontrakt notierte am 20. April 2020 erstmals in der Geschichte negativ bei −37 US-Dollar, weil die Lagerkapazitäten im US-Hub Cushing erschöpft waren. Erst die größte Förderkürzung der OPEC-Geschichte — 9,7 Millionen Barrel pro Tag, rund zehn Prozent der Weltproduktion, vereinbart am 9. April 2020 — stabilisierte den Markt. Die zentrale Lehre: 18 US-Dollar waren kein Gleichgewichtspreis, sondern ein Krisenpreis weit unter den Förderkosten fast aller Produzenten — möglich nur, weil Nachfrage- und Angebotsschock zusammenfielen.


2.   Wie hätte sich der Ölpreis ohne Russland- und Iran-Krieg weiterentwickelt?


Bereits vor der Invasion der Ukraine hatte sich der Markt normalisiert: Die Nachfrageerholung und die Förderdisziplin der OPEC+ hoben Brent 2021 auf 70 bis 85 US-Dollar. Der Angriff vom 24. Februar 2022 setzte dann eine Kriegsprämie obendrauf — Brent stieg in der Spitze über 120 US-Dollar, Embargos und die Umlenkung russischer Ströme hielten den Markt 2022/23 angespannt. Nach der Normalisierung 2024/25 sprachen die Marktteilnehmer Ende 2025 bereits von einem beginnenden Überangebot. Der Iran-Krieg beendete diese Phase abrupt: Seit dem 28. Februar 2026 und der weitgehenden Blockade der Straße von Hormus — laut Internationaler Energieagentur die größte Versorgungsstörung der Geschichte des Ölmarkts — sprang Brent erneut über 110 US-Dollar; nach dem Waffenruhe-Rahmen von Mitte Juni und der erneuten Eskalation Anfang Juli notiert Brent aktuell um 88 US-Dollar.


Was wäre ohne beide Kriege geschehen?

Die Antwort folgt aus den Mechanismen, die schon vor Februar 2022 wirkten: wachsendes Nicht-OPEC-Angebot (US-Schieferöl, Guyana, Brasilien), die schrittweise Rückführung der OPEC+-Kürzungen und ein strukturell gedämpftes Nachfragewachstum durch Elektromobilität und Effizienz. Auf dieser Basis wäre Brent vom Niveau um 89 US-Dollar (Januar 2022) ohne Kriegsprämie plausibel in ein gleitendes Band gesunken: etwa 72 bis 78 US-Dollar im Jahresverlauf 2022, 66 bis 72 in den Jahren 2023/24 und rund 60 im Jahr 2025 — hin zu 55 bis 57 US-Dollar Mitte 2026 (orange Linie in der nachfolgenden Grafik). Diese Bahn deckt sich mit den Vorkriegs-Schätzungen der Analysten. Diese sahen für 2026 einen Durchschnittspreis von 60 US-Dollar.


Brent-Monatswerte 2019 bis Juli 2026 und hypothetischer Verlauf ohne Kriege

Abbildung: Brent-Monatswerte 2019–Juli 2026 (blau) und hypothetischer Verlauf ohne Russland- und Iran-Krieg (orange, gestrichelt). Quellen: ICE/Yahoo Finance; hypothetischer Pfad: eigene Konstruktion auf Basis der Vorkriegs-Konsensschätzungen der Analysten.


3.   Ausblick: Sind 18 US-Dollar wieder möglich?


Die strukturellen Argumente für langfristig niedrigere Ölpreise sind intakt und haben sich zuletzt verstärkt: Die Elektrifizierung von Pkw und zunehmend auch Lkw gewinnt Marktanteile, Wind- und Solarkapazitäten wachsen weiter, und die Internationale Energieagentur erwartet ein Plateau der Ölnachfrage um 2030. Dennoch sind 18 US-Dollar als nachhaltiges Niveau höchst unwahrscheinlich: Sie liegen weit unter den Grenzkosten des US-Schieferöls (rund 45 bis 60 US-Dollar), unter den fiskalischen Schmerzgrenzen der OPEC-Staaten und würden über die Mengensteuerung der OPEC+ sowie den Investitionsstopp der Industrie eine schnelle Angebotsantwort auslösen. 18 US-Dollar bleiben das Zeichen eines doppelten Extremschocks — als kurzlebige Krisenspitze wiederholt denkbar, als Gleichgewicht nicht. Realistisch ist nach einer Normalisierung der Hormus-Lage ein realer Rückgang auf ein Preisniveau von 50 bis 70 US-Dollar, mit erheblichen Aufwärtsrisiken, solange die Straße von Hormus fragil bleibt.


4.   Was das für den Öl-Haushalt in Österreich und Vorarlberg heißt


Die Geopolitik kommt direkt im Tankraum an. Österreichweit heizen noch rund 443.000 Haushalte mit Öl — etwa elf Prozent; in Vorarlberg sind es mit rund 18 Prozent deutlich mehr (nur Tirol liegt mit 26 Prozent höher). Heizöl extraleicht kostet aktuell rund 1,55 Euro je Liter — Anfang Juli, vor der jüngsten Eskalation, waren es noch 1,31 Euro. Für ein Einfamilienhaus mit 2.000 bis 3.000 Litern Jahresverbrauch bedeutet das 3.100 bis 4.650 Euro je Heizsaison. Gemessen am theoretischen Pfad ohne die beiden Kriege (grob 1,00 bis 1,10 Euro je Liter) zahlt ein Vorarlberger Öl-Haushalt derzeit eine Kriegsprämie von etwa 900 bis 1.400 Euro pro Jahr.


Unsere Empfehlung für die Wintersaison

Wir empfehlen weder jetzt den Öltank zu füllen noch sechs Monate mit leerem Tank zu warten. Sinnvoll ist ein gestaffeltes Vorgehen: erstens jetzt eine Sicherheitstranche von rund einem Drittel des Winterbedarfs aufbauen — nicht weil der Preis attraktiv ist, sondern wegen des Eskalationsrisikos (ein Anstieg bis 150 US-Dollar bei dauerhafter Hormus-Schließung liegt im Bereich des Möglichen) und der Lieferfristen im Herbst. Zweitens den Rest in zwei Tranchen im Spätherbst 2026 und im Frühjahr 2027 kaufen: Wir sehen bei Normalisierung fallende Preise in Richtung 65 bis 70 US-Dollar. Das Frühjahr ist saisonal zudem die günstigste Kaufzeit. Drittens helfen Preisalarme (etwa auf das Vor-Eskalations-Niveau von 1,30 Euro je Liter) und Sammelbestellungen in der Nachbarschaft, die den Literpreis über die Menge drücken. Nur wer noch mehr als eine halbe Saison im Tank hat, kann das reine Abwarten vertreten.


Wir empfehlen auch, alternativ zu denken, denn die aktuell hohe Preisschwankung ist das stärkste Argument für einen Kesseltausch. Die Förderungen von Bund und Land laufen weiter, und bei 1,55 Euro je Liter verkürzt sich die Amortisation einer Wärmepumpe erheblich — Vorarlberg ist hier mit 21 Prozent Wärmepumpen-Anteil bereits Bundesland-Spitzenreiter. Für viele der verbliebenen 18 Prozent ist die beste Nachkauf-Strategie mittelfristig, keine Ölheizung mehr zu brauchen — bis dahin in Tranchen zu kaufen und den Ausstieg planen.



DISCLAIMER

Diese Pressemitteilung dient als allgemeine Marktkommunikation. Sie stellt keine individuelle Anlageberatung dar, ist nicht als Kauf- oder Verkaufsempfehlung zu verstehen und ersetzt nicht die individuelle Beratung durch einen qualifizierten Finanzberater. Vergangenheitsdaten (Renditen, Volatilitäten, Drawdowns) bieten keine Garantie für künftige Entwicklungen. Rohstoff- und Energiepreise unterliegen erheblichen Schwankungen; Preisprognosen sind mit hoher Unsicherheit behaftet. Alle Angaben ohne Gewähr. Stand: Juli 2026.