10. August 2026 – Roland Rupprechter, MBA (WU Wien), CPM, CEFA
Rekordgewinne und schwacher Arbeitsmarkt – Das sind Kaufbedingungen
Stellenabbau statt erwartetem Zuwachs
Im Juli wurden in den USA im Saldo 23.000 Stellen abgebaut, erwartet worden waren 80.000 neue – der schwächste Wert seit Juni 2025. Die Zuwächse für Mai und Juni wurden um zusammen gut 100.000 nach unten revidiert. Die Arbeitslosenquote sank zwar auf 4,1 Prozent, allerdings ausschließlich, da sich Erwerbstätige vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben, unter anderem als Folge der restriktiveren Einwanderungspolitik. Die Stundenlöhne stiegen im Monatsvergleich um 0,1 Prozent, im Jahresvergleich um 3,2 Prozent statt der erwarteten 3,5 Prozent.
Wir sehen in den Zahlen kein Rezessionssignal. Ein Arbeitsmarkt, der sich nach Jahren der Überhitzung normalisiert, bei gleichzeitig zweistelligem Umsatzwachstum der börsennotierten Unternehmen, beschreibt eine Volkswirtschaft, die auf der Inflationsseite Druck verliert, ohne die Ertragsseite preiszugeben. Diese Konstellation hat historisch die besten Bedingungen für Aktien geliefert. Wir erwarten für das zweite Halbjahr eine weitere moderate Abschwächung des Lohnwachstums, ohne dass die Gewinnmargen der Unternehmen darunter leiden.
Gewinne überraschen mit höchster Quote seit fünf Jahren
Bis zum 7. August hatten 88 Prozent der Unternehmen im S&P 500 berichtet, 86 Prozent davon übertrafen die Schätzungen. Das ist die höchste Quote seit dem zweiten Quartal 2021 und liegt acht Prozentpunkte über dem Fünfjahresmittel von 78 Prozent. Alle elf Sektoren melden Umsatzwachstum, das Umsatzplus des Index ist zum zweiten Mal in Folge zweistellig.
Rund die Hälfte der jüngsten Aufwärtsrevisionen entfällt auf den Halbleitersektor, ein weiteres Viertel auf Energie – beides Folgen des KI-Infrastrukturausbaus.
Wir rechnen auch in Europa im Herbst mit einer Welle von Aufwärtsrevisionen – ein Muster, das wir in der zweiten Jahreshälfte 2024 beobachtet haben und das damals mit einer Fortsetzung des Aktienmarktanstiegs einherging. Die Führung bei den Branchen hat zuletzt gewechselt: Vorne liegen Banken, Industrie und Rüstung, welche Luxus und Pharma überholt haben.
Fed hält Zinsen unverändert
Die Fed hat den Leitzinskorridor am 29. Juli zum fünften Mal in Folge bei 3,50 bis 3,75 Prozent belassen. Entscheidend war nicht der Beschluss, den wir so erwartet hatten, sondern das Stimmbild: Drei regionale Notenbankpräsidenten stimmten für eine Erhöhung um 25 Basispunkte – so viele Gegenstimmen gab es zuletzt 2016. Hintergrund war der im Juli um rund ein Fünftel gestiegene Ölpreis infolge der Blockade der Straße von Hormus und die Sorge vor Zweitrundeneffekten.
Genau diese Sorge hat der Juli-Arbeitsmarktbericht entkräftet. Bei einem Lohnwachstum von 3,2 Prozent und schrumpfender Beschäftigung fehlt die Grundlage für eine Lohn-Preis-Spirale. Wir gehen davon aus, dass die Fed im weiteren Jahresverlauf 2026 den Leitzins nicht anheben wird und halten die zuletzt eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Septembererhöhung für zu hoch.
Expansive Fiskalpolitik
Die Fiskalpolitik bleibt auf beiden Seiten des Atlantiks expansiv und wirkt damit der geldpolitischen Zurückhaltung entgegen. In den USA halten hohe Staatsausgaben die Binnennachfrage, auch wenn die Defizite die Laufzeitprämie am langen Ende erhöhen. In Europa laufen Infrastruktur- und Rüstungsprogramme an, deren Volumen mehrjährig angelegt ist. Für Industrie-, Bau- und Versorgerwerte ist das ein Auftragszyklus, der von der Zinsseite weitgehend unabhängig ist.
Verändertes Marktumfeld führt zu größerem Optimismus
Der Konsens der optimistisch positionierten großen Researchhäuser ist vor dem Hintergrund höherer Unternehmensgewinne und nachlassendem Arbeitsmarkt gestiegen und sieht den S&P 500 zum Jahresende zwischen 8.000 und 8.500 Punkten. Getragen wird diese Spanne von Gewinnschätzungen zwischen 335 und 340 US-Dollar je Indexanteil für 2026, entsprechend einem Zuwachs von 20 bis 24 Prozent, sowie 375 bis 385 US-Dollar für 2027. Wir teilen diese Einschätzung, halten aber das untere Ende der Spanne für die realistischere Planungsgröße. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Sicht von zwölf Monaten liegt bei rund 20 gegenüber einem Fünfjahresmittel von 19,9. Von einer Überbewertung des Gesamtmarktes kann keine Rede sein.
Empfehlung für defensive Anleger
Wir empfehlen vorsichtigen Aktienanlegern breit gestreute, global investierende Aktienfonds statt Einzelwetten auf die Gewinner der vergangenen zwölf Monate. Zudem präferieren wir dividendenstarke Qualitätstitel mit stabilen Zahlungsströmen; Versorger und Infrastruktur, die am Investitionszyklus verdienen, ohne selbst auf ein Technologieversprechen angewiesen zu sein. Europäische Banken bieten derzeit attraktive Ausschüttungen, bleiben aber zyklisch und gehören in ein vorsichtiges Depot nur in maßvoller Dosierung.
Bei Indexständen auf Rekordniveau empfehlen wir den gestaffelten Einstieg über zwei bis drei Monate statt des einmaligen Engagements. Die Zinsseite ist nach der Neubewertung der Fed-Erwartungen wieder ein ernsthafter Portfoliobaustein: Qualitätsanleihen mittlerer Laufzeit bieten auskömmliche Renditen bei begrenztem Durationsrisiko. Gold behält seine Funktion als Versicherung gegen geopolitische Rückschläge.
Empfehlung für offensive Anleger
Chancenorientierten Aktienanlegern empfehlen wir dem Kapitalstrom zu folgen. Dieser fließt in die physische Infrastruktur der künstlichen Intelligenz: Halbleiter und Speicherchips, deren Preisentwicklung den größten Einzelbeitrag zur jüngsten Anhebung der Gewinnschätzungen liefert, ferner Netzausrüster, Stromerzeuger und die Bauwirtschaft rund um den Ausbau von Rechenzentren.
In Europa favorisieren wir zyklische Werte, die trotz Rekordständen der Indizes vergleichsweise günstig bewertet sind, sowie Industrie- und Rüstungstitel am Anfang eines mehrjährigen Auftragszyklus.
Zudem notiert der Volatilitätsindex VIX nahe seinem Mehrjahrestief um 13 Punkte. Optionsprämien sind entsprechend günstig. Das macht den Aufbau gehebelter Aufwärtspositionen für die Herbstmonate preiswert – und, was uns wichtiger ist, auch deren Absicherung.
Wo liegen die Risiken?
Erstens die Straße von Hormus. Ein erneuter Ölpreisschub würde die Zweitrundendebatte sofort zurückbringen und jene drei Notenbankpräsidenten bestätigen, die im Juli bereits für eine Erhöhung stimmten. Wir halten dies für das mit Abstand gewichtigste Einzelrisiko. Zweitens die Konzentration der Marktführerschaft: Ein erheblicher Teil der spektakulären Gewinnüberraschung stammt aus Bewertungseffekten, nicht aus dem operativen Geschäft. Drittens die dünne Liquidität der Sommermonate, die Bewegungen in beide Richtungen verstärkt.
Diese Vorbehalte ändern nichts an unserer positiven Grundeinschätzung, aber sie bestimmen die Dosierung und den Einstiegsrhythmus. Wer jetzt investiert, tut dies in einen Markt mit intakter Gewinndynamik und nachlassendem Zinsdruck – nicht in einen ohne Risiko.
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